Das Blaufarbenwerk

Westlich von Braunlage, dort wo die Bundesstraße 27 den Brunnenbach kreuzt, befindet sich das Mutter-Kind-Heim „Waldmühle“ der Caritas. An dieser Stelle befand sich bis 1849 ein Blaufarbenwerk. Es produzierte die damals künstlich noch nicht herzustellende Farbe Blau aus Erzen des Metalls Kobalt.
Die Gründung des Werks im Jahre 1756 an dieser Stelle kam nicht von ungefähr. Notwendig war ausreichend Wasser zum Antrieb diverser Geräte und Maschinen, man sprach daher auch von einer Blaufarben-Mühle. Anfänglich versorgte nur ein geringer Teil des Brunnenbachs das Werk mit Wasser, da viel vom etwas höher gelegenen „Neuen Teiches“ (heutiger „Silberteich“) abgezweigt wurde, welcher zur Versorgung der Gruben im Magdgrabtal angelegt wurde.
Ein weiterer wichtiger Grund für die Lage des Werks waren die Vorkommen des direkt in der Nachbarschaft geförderten Kobalts. Die nach einem damaligen Braunschweiger Herzogspaar benannten Gruben Ludwig-Rudolph und Christine-Louise waren schon länger in Betrieb und man fand darin neben silberhaltigen Blei- und Kupfer-Erzen auch in kleinen Mengen Kobalt. Nebenbei bemerkt kommt dieses Metall auf Erden nicht in reiner Form vor, sondern nur als Erz bzw. als diverse Mineralien. Die Namensgebung ist mit vielen Sagen verbunden. Es waren deutsche Bergleute, die sich dafür Begriffe einfallen ließen: Das Erz soll sich „wie ein Kobold“ in den Gesteinen versteckt haben und war nur schwer erkennbar. Anfänglich wunderte man sich, dass man aus dem silberfarbigen Erz kein Silber herstellen konnte. So nannte man es auch „Scheißerz“ oder „Silberräuber“.

Da die Harzer keine Erfahrung hatten, holten sie die sogenannten Blaufarbenmeister aus Sachsen. Zuerst wurde ein Blaufarbenwerk in St. Andreasberg, später ein weiteres in Hasserode errichtet. Von letzterem war Braunlage ein Zweigwerk. Insgesamt gab es letztlich nur 3 Betriebe dieser Art im Harz.

Allerdings war der hiesigen Mühle keine positive Produktions-Geschichte vergönnt. Schon nach ca. 8 Jahren waren die Kobalt-Vorkommen aufgebraucht. Man suchte dann die Halden anderer Bergwerke ab. Die vorher nicht erkannten Kobalterze wurden mit Hilfe der neuen Fachleute aufgespürt, waren meistens aber leider nur von minderer Qualität.
Dazu kamen noch Probleme bei der Betriebsführung der Mühle. Die Besitzer wechselten mehrfach. Es gab auch Zeiten, wo der Betrieb ganz ruhte, z.B. 1764-1766 bzw. vor 1783.
Später wurde das Kobalt aus dem Andreasberger und Lauterberger Revier sowie später aus dem Hessischen, dem Siegerlande, dem Erzgebirge und sogar aus Ungarn eingeführt.
1796 wechselte dann das Werk zu einem neuen Eigentümer, dem Geheimen Rat Waitz v.Eschen, dem das Hasseröder Blaufarbenwerk sowie auch spezielle Kobaltgruben im Siegerland gehörten. Er legte die Produktionszweige in der Weise zusammen, dass in Braunlage mit dem „Safflor“ nur ein Mittelprodukt hergestellt wurde. Hierfür war beim gesamten Herstellungsprozess das meiste Holz notwendig. Und dieses war in Braunlage nur ¼ so teuer wie in Hasserode, weil ihm hier Privilegien in Form von billigen Lieferungen an Brenn- und Nutzholzmengen gewährt worden waren. Die halbfertige Ware wurde dann nach Hasserode transportiert und dort abschließend in dem als reine Farbmühle umgewandelten Werk vollendet. So konnte v. Eschen erstmals in der Geschichte der Werke kostendeckend produzieren.
Die erzeugten Farben waren allerdings denen der Konkurrenz, vor allem der aus dem Erzgebirge, nicht ebenbürtig, fanden aber trotzdem in von hier aus günstiger zu erreichenden Ländern wie Holland guten Absatz.
Nach der Erfindung des chemischen Ultramarins kam schließlich das Aus für alle Blaufarbenwerke. So schloss auch das Braunlager Werk im Jahre 1849 endgültig.

Die Anlagen wurden dann als Sägemühle weitergeführt. Ab 1890 errichtete man daraus eine der bekanntesten Braunlager Ausflugs-Gaststätten mit angeschlossener Pension: die „Waldmühle“. Sie wurde Ende des 2.Weltkriegs noch kurzfristig als Lazarett und Flüchtlingsunterkunft bzw. Erholungsheim für Heimkehrer genutzt , bevor sie 1954 abgerissen wurde, um einem modernen Kinderkurheim Platz zu machen. Im Mai 1955 eröffnete es der Caritas-Verband für die Diözese Hildesheim als „Haus Waldmühle“. 1984 fand die erste Mutter-Kind-Kur statt, um nach diversen Um- und Neubauten seit 1989 eine Platzkapazität für bis zu 34 Frauen und 55 Kinder zu gewährleisten.


Originaltext gekürzt
J. Kühnhold
Kulturwart des Harzklub-Zweigvereins Braunlage e.V.