Die Kistenfabrik F.W. Fuchs

Auf dem südlichen Geländes des heutigen Großparkplatzes befand sich bis 1956 die
Kistenfabrik Fuchs. Sie war die größte Fabrik ihrer Art in Deutschland und daher auch der wichtigste Arbeitgeber unserer Stadt. Die Geschichte der Firma reicht bis 1823 zur ück.

Am 19. Januar diesen Jahres wurde hier in Braunlage Christian Friedrich August Fuchs (genannt „Fritz“) geboren. Er begann bereits in jungen Lebensjahren in der Markstraße die ersten Zündholzschachteln (sogenannte Spanklappkoffer) herzustellen. Im Jahre1847 konnte er „Am Amtsweg“, wo die alte Blankschmiede stand, eine fabrikmäßige Produktionsstätte errichten. Das Schmiedegebäude wurde zu einer einstöckige Schneidemühle mit späterem Sägewerk umgebaut.

Als Fritz Fuchs am 26. März 1890 starb, übernahm sein einziger Sohn Friedrich Wilhelm den Betrieb mit damals 25 Arbeitern. Mit vielen Ideen entwickelte er Spezielamaschinen, die zur Massenfabrikation von Spanschachteln benötigt wurden. Hunderttausende dieser 150 x 60 x 30 mm großen Schachteln mit einer Reibfläche, welche aus Antimonsulfiden, Phosphor und Leim bestand, verließen monatlich das Werk. In der Zeit von 1880 bis 1899 waren es über 23 Millionen Stück.
1890 ließ Firmenchef Fuchs eine erste Dampf-Lokomobile der Firma Wolf, Magdeburg, als Antrieb aufstellen. Die Sirene dieser Maschine war übrigens für wohl 50 Jahre die „öffentliche Zeitansage“ für ganz Braunlage. Viele Einwohner hatten sich auf die „Tute“ eingestellt, und richteten ihre Termine darauf ab.

Das Jahr 1899 war für die Firma ein Schicksalsjahr. Anfänglich lief noch alles hervorragend. Im Zuge des Braunlager Bahnanschlusses, erhielt am 1. November des Jahres auch die „Schachtelfabrik“ einen Bahnzugang.
Der erste große Rückschlag folgte bereits wenige Tage darauf, als ein Brand die gesamten Gebäude zerstörte. Fuchs ließ sich davon aber nicht unterkriegen, produzierte vorübergehend in Wieda weiter und baute in der Zwischenzeit in Braunlage einen dreistöckigen Neubau.
Gleichzeitig schuf er sich mit der Herstellung von hölzernen Verpackungs-Kisten ein zweites Standbein. Dazu wurden wieder viele Maschinen in Eigenproduktion erbaut. Innerhalb weniger Jahre benötigte die Firma eine Antriebsleistung von damals unglaublichen 1000 PS, die nebenbei noch ganz Braunlage mit Strom hätte versorgen können. In der Zeit stiegen auch zwei seiner Söhne, Gustav und Wilhelm, in die Firma ein.

1922 stellte man die Herstellung von Zündholzschachtel ein und produzierte nur noch Kisten für viele Weltfirmen, u.a. Persil-Henkel und Dynamit-Nobel. Es war die größte Kistenfabrik Deutschlands entstanden! Als Wilhelm 1934 starb, stand sein Lebenswerk in vollster Blüte.

Durch das boomende Geschäft erhielten auch viele andere Berufszweige Arbeit: Fuhrleute, Waldarbeiter, Gespannführer usw. Die Familie Fuchs schuf eine eigene günstige Betriebskrankenkasse, spendete die erste pferdebespannte Motorkraftspritze für die Feuerwehr, baute Unterkünfte für Mitarbeiter und das Gelände für den Bau des oberen Kurparks konnte von der Stadt nur durch ein Darlehn der Firma Fuchs erworben werden.

Die schweren Inflationszeiten und die Wirtschaftkrise vor 1933 meisterte die Fabrik ohne Schaden. Im zweiten Weltkrieg wurde sie als „kriegswichtiger Betrieb“ mit Rüstungsaufträgen versorgt, konnte jedoch die alte Kunden nicht mehr versorgen.
Mit der Ziehung der Zonengrenze nach der Kriegs-Niederlage verlor man schließlich die unersetzlichen Holzquellen im Ostharz. Im Westharz kontingentierte die englische Besatzung („Timber-Kontroll“) den notwendigen Rohstoff. Als schließlich die Kunden aufgrund der immer teurer werdenden Kisten auf Pappkartons umstellten, wurde Anfang 1956 die freiwillige Liquidation eingeleitet und ein Jahr später beendet.
Der Haus- und Grundbesitz wurde größtenteils an die Stadt Braunlage veräußert, die später hierauf den Großparkplatz baute. Übrig geblieben ist einzig das Wohnhaus der Familie, das Nachfahre von Wilhelm Fuchs heute als Pension betreibt.

Originaltext gekürzt
J. Kühnhold
Kulturwart des Harzklub-Zweigvereins Braunlage e.V.